Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 49


49
Hermann Nitsch
Schüttbild (19. Malaktion 1986), 1986.
Öl auf grundiertem Sackleinen
Schätzung:
€ 100.000
Ergebnis:
€ 212.500

(inklusive Aufgeld)
Schüttbild (19. Malaktion 1986). 1986.
Öl auf grundiertem Sackleinen.
Verso signiert und datiert. 190 x 300 cm (74,8 x 118,1 in).

• Aus der Duerckheim Collection.
• 2010 im Hermann Nitsch Museum, Mistelbach, ausgestellt.
• Rot ist untrennbar mit Nitschs Werk verbunden - als Farbe des Lebens und des Todes zugleich.
• Im Juli 2022 findet in Prinzendorf/Österreich die Aufführung des 1. und 2. Tages des 6-Tage-Spiels (2. Fassung) von Hermann Nitsch statt
.

PROVENIENZ:
Galerie Fred Jahn, München.
Duerckheim Collection (1991 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG:
Hermann Nitsch. Meisterwerke aus der Duerckheim Collection, Hermann Nitsch Museum, MZM Museumszentrum, Mistelbach, 1.5.2010-3.4.2011, S. 104 (m. Abb.).

"freut euch, frohlockt und jubelt, weil die zeit erfüllt ist, dass ich mein gewand anziehe, das mir von anfang an bereitet ist. ich werde mein weisses gewand beflecken mit nassfeuchten, purpurtraubigen blutstropfen. ölige, fette, fruchtfleischrote blutstropfen und blutstinkende, feuchte schweissflecken tränken das garn des kleides. schweiss- und urinnass vom blut durchschwitzt ist mein winzerkleid."
Plakat zur Ausstellung der 19. Malaktion 1986.

Der Wiener Aktionismus ist der eigenständige und wegweisende Beitrag der österreichischen Kunstschaffenden zur zeitgenössischen Kunst der 1960er Jahre und zu dem, was daraus erwachsen ist. Auch wenn sich die jeweiligen Künstler:innen nicht direkt auf die Protagonisten des Wiener Aktionismus beziehen, sind doch Arbeiten von Marina Abramovic oder Jonathan Meese ohne die Arbeiten von Hermann Nitsch und seinen Mitstreitern Günter Brus und Otto Mühl nur schwer vorstellbar. Ihr Wirken erweitert das Happening durch Agieren mit Blut, Urin und Kot in einer für die damalige Gesellschaft vielfach unerträglichen Weise. Die extreme Tabuüberschreitung ist fortan als Mittel in die Kunst integriert.

Mit seinen berühmten, wohl durchkomponierten Mysterienspielen zeigt Nitsch in aller Deutlichkeit sowohl die abstoßenden als auch die anziehenden Facetten des Lebens. Der agierende Körper des Künstlers, hier nicht nur in den dynamischen Schüttungen wahrnehmbar, sondern auch durch die durch das Bild verlaufenden Fußabdrücke, ist zusammen mit der Farbe das wichtigste Kommunikationsmittel. So ist das Bild nur noch der indirekte Überbringer einer Botschaft, die bereits in der Aktion des Schaffensprozesses Ausdruck fand. "Nitsch deutet das Leben als Passion, den Malprozess als verdichtetes Leben und damit als Inbegriff der Passion. Jedes Bild hat diese Botschaft. Alle Farbspritzer erinnern an Blutspuren. Alle Bilder sprechen von Verletzungen, von Verletzungen, die nicht auszulöschen sind. Hermann Nitsch führt uns seine Bilder vor Augen, als weise er Wundmale vor." (Wieland Schmied, in: Hermann Nitsch. Die Architektur des Orgien Mysterien Theaters, Bd. II, München 1993, S. 15)

Rote Farbe ist in verschiedenen Richtungen über die große Leinwand geschüttet, sie kreiert Verläufe, ist verspritzt und zerrieben. "Rot ist die Farbe, die am intensivsten zur Registration reizt, weil sie die Farbe des Lebens und des Todes gleichzeitig ist", so Nitsch. Dabei ist die Aktion des Schüttens ein künstlerischer Vorgang und das Ergebnis ein gesteuerter Zufall. Nachträgliche manuelle Eingriffe, das Bearbeiten der Farbe auf der am Boden liegenden Leinwand geschehen unter dem Einsatz des ganzen Körpers. Nitsch läuft sogar über die Leinwand, er ist während der Entstehung im wahrsten Sinne des Wortes im Bild: Diese Leinwand protokolliert das künstlerische Ergebnis der 19. Malaktion vom 20. August 1986 in Prinzendorf. [CH/EH]



49
Hermann Nitsch
Schüttbild (19. Malaktion 1986), 1986.
Öl auf grundiertem Sackleinen
Schätzung:
€ 100.000
Ergebnis:
€ 212.500

(inklusive Aufgeld)