Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 46


46
Norbert Bisky
Catastroika, 2012.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 50.000
Ergebnis:
€ 137.500

(inklusive Aufgeld)
Catastroika. 2012.
Öl auf Leinwand.
Verso auf der Leinwand signiert und zweifach datiert sowie betitelt. 200 x 140 cm (78,7 x 55,1 in).

• Leuchtend-farbkräftiges Werk in der so charakteristischen, energiegeladenen Bildsprache des Künstlers.
• Symbiose aus zeitgenössischem Motiv, gesellschaftspolitisch aktueller Thematik und kunsthistorisch tradierter Heldensage.
• Die Werke des Künstlers befinden sich in den Sammlungen bedeutender internationaler Museen, darunter das Museum of Modern Art, New York, und das Museum Ludwig, Köln
.

PROVENIENZ:
Galerie Templon, Paris (auf dem Keilrahmen mit dem Galerieetikett).
Privatsammlung Süddeutschland (2012 vom Vorgenannten erworben).

Mit seinen so kraftvollen, ausdrucksstarken Werken gilt Norbert Bisky heute als einer der wichtigsten Maler der postmodernen Figuration (Handelsblatt Magazin 04/2019). Schon 2014 ehrt ihn die Kunsthalle Rostock mit einer umfassenden Werkschau seiner ersten fünfzehn Schaffensjahre. 2021/2022 sind die Arbeiten des Künstlers u. a. in der groß angelegten Einzelausstellung "Norbert Bisky. Disinfotainment" in der G2 Kunsthalle in Leipzig zu sehen.

Aufgewachsen ist der Leipziger Künstler in der DDR, studiert an der Freien Kunstschule in Berlin und an der Hochschule der Künste als Meisterschüler von Georg Baselitz. Die Biografie des Künstlers steht mit seinem künstlerischen Schaffen in enger Verbindung. "Ich habe angefangen zu malen, weil ich ein tiefes Misstrauen Worten gegenüber entwickelt habe. Einschneidende Erlebnisse für mich waren der Zusammenbruch der DDR, die Maueröffnung und die Wiedervereinigung. Ich war 19 Jahre alt. Vieles von dem Wortmüll, der mich als Kind umgeben hat, war schließlich wertlos. Was hat mehr Substanz und Gültigkeit über einen längeren Zeitraum? Da war ich schnell bei den Bildern." (Norbert Bisky, 2011, in: Weltkunst 01/2011). Der Vater des Künstlers ist der deutsche Kulturwissenschaftler und Politiker Lothar Bisky (1941-2013), der für die PDS und Die Linke sowohl im Landtag von Brandenburg als auch im Deutschen Bundestag und im Europäischen Parlament saß. So verwundert es nicht, dass auch Norbert Bisky politisch interessiert ist und sich politisch engagiert. "Die politische Situation kann ich nicht außen vor lassen", sagt der Künstler in einem Interview mit dem Deutschlandradio (Gespräch mit Sigrid Brinkmann, zit. nach: Deutschlandfunk Kultur online, 24.3.2015).

Bei der Betrachtung seiner Werke offenbart sich ebenfalls Biskys Auseinandersetzung mit Werken der Alten Kunst der europäischen Kunstgeschichte: "Es gibt [..] schon immer auch einen Bezug zur Kunstgeschichte. Früher habe ich diese Szenen visuell nur anders transportiert – in lichten, pastelligen Tönen. Ich selbst hatte aber mehr und mehr das Gefühl, dass dies den Blick auf den Inhalt versperrt, und war irgendwann mit dieser Art von Bildern fertig. Dann habe ich andere Farben genommen und die Kontraste in meinen Arbeiten erhöht" (Norbert Bisky, zit. nach: Michael Wuerges, In the Studio. Norbert Bisky, Berlin, collectorsagenda.com). Auch "Catastroika" lässt Bisky in leuchtenden klaren, aber eben auch etwas dunkleren, kontrastreicheren Farben erstrahlen. Mit der Veränderung der Farbpalette geht damals auch eine thematische Weiterentwicklung einher. Der Künstler widmet sich in seinen späteren Arbeiten eher düsteren, bedrückenden Themen, verarbeitet mit energiegeladener, zum Teil agressiverer Bildsprache u. a. die Tragödie der Love Parade 2010 oder die Flüchtlingskrise 2015, befasst sich mit Homosexualität, Pornografie und fiktiven apokalyptischen Szenarien. Auch die Handlungen in seiner Arbeit "Catastroika" wirken wie ein Film Still eines cineastischen Endzeitszenarios. Mit dem Titel bezieht er sich vermutlich auf den gleichnamigen, im Entstehungsjahr des Gemäldes veröffentlichten und sehr erfolgreichen griechischen Dokumentarfilm von Aris Chatzistefanou und Katerina Kitidi, der sich mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Privatisierung von Staatseigentum und Deregulierung in den USA sowie in mehreren europäischen Ländern kritisch auseinandersetzt und auch im deutschen Fernsehen zu sehen war.

Bisky entwirft hier eine energisch aufgeladene Szene mit bewaffneten, rebellierenden männlichen Jugendlichen, die er trotz ihrer lässig-modischen Bekleidung mit Trainingshosen und High-Top Sneakern wie die Protagonisten einer historischen Schlacht vor brennendem Hintergrund inszeniert, jedoch ganz ohne ein fragwürdiges Heldentum zu idealisieren. Trotz der Fülle an kunsthistorischen Bezügen schafft Bisky zutiefst zeitgenössische Bilder, die wie auch das hier angebotene Werk ihre bemerkenswert zeitlose politische und gesellschaftliche Aktualität, ihre absolut moderne Bildsprache behaupten und viele weitere Jahre behaupten werden. [CH]



46
Norbert Bisky
Catastroika, 2012.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 50.000
Ergebnis:
€ 137.500

(inklusive Aufgeld)